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13.06.2009

Prof. Dr. med. Walter Rosenthal

Walter Rosenthal ist neuer Vorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch. Als Wissenschaftlicher baut er Brücken zwischen Grundlagenforschung und Klinik. Als Manager hat er konkrete Pläne, wie er das hohe Niveau der Bucher Forschungseinrichtung aufrechterhalten will.

Prof. Dr. med. Walter Rosenthal

„Das Leben ist eine Entdeckungsreise“  

Nichts ist für die Ewigkeit. Schon gar nicht ein hohes wissenschaftliches Niveau. Walter Rosenthal weiß, dass er sich nicht auf den Lorbeeren seines Vorgängers ausruhen kann. Der renommierte Krebsforscher Prof. Walter Birchmeier hatte das MDC zu einer der führenden Forschungseinrichtungen Deutschlands weiterentwickelt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an den neuen wissenschaftlichen Vorstand. Rosenthal hatte Birchmeier im Januar abgelöst. Nun muss der neue Chef beweisen, dass auch er das MDC erfolgreich managen kann. Das dürfte dem 54-jährigen Pharmakologen nicht sonderlich schwer fallen: Zwölf Jahre hatte er als Direktor des Leibniz-Instituts für Molekulare Pharmakologie (FMP) gezeigt, dass er ein hervorragender Wissenschaftsmanager ist. Unter seiner Führung hat sich das auf molekulare Pharmakologie spezialisierte Forschungsinstitut einen einzigartigen Platz in der deutschen Forschungslandschaft erobert und darüber hinaus einen Namen in der ganzen Welt gemacht.

Das Max-Delbrück-Centrum genießt ebenfalls weltweit einen hervorragenden Ruf. Es ist an Rosenthal dafür zu sorgen, dass dies so bleibt. Deshalb sieht es der neue MDC-Vorstand als seine vorrangige Aufgabe, „das hohe internationale Ansehen der Einrichtung für medizinische Grundlagenforschung zu bewahren und dort, wo möglich, noch zu verbessern. Ich möchte, dass weiterhin Top-Wissenschaftler aus der ganzen Welt sagen: Da wollen wir hin.“

Dafür wird der Wissenschaftsmanager einiges tun. Zum Beispiel die Herz-Kreislauf- Forschung verstärken. „Herz-Kreislauf- Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland“, berichtet Rosenthal. „Dennoch ist dieser Bereich in Deutschland stark unterfinanziert.“ Sein Plan: Gründung eines „Nationalen Instituts für kardiovaskuläre Erkrankungen“ (NIKE) auf dem Campus Berlin-Buch. In einem nationalen Netzwerk für kardiovaskuläre Erkrankungen sollen außerdem auch Universitätskliniken eingebunden werden.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind das eine Thema. Krebs und neurologische Erkrankungen das andere. 880 Mitarbeiter in etwa 50 Forschergruppen des MDC gehen den Ursachen der häufigsten Erkrankungen unserer Gesellschaft auf die Spur. „Grundlagenforschung ist die unverzichtbare Basis und der Ausgangspunkt für das, was wir erreichen wollen: die Verbesserung von Prävention, Diagnostik und Therapie von Erkrankungen.“

„From bench to bedside“ – Dauerthema für den Arzt und Wissenschaftler

Ein Weg zu diesem hehren Ziel ist Rosenthals Dauerthema – die translationale Forschung. Hierbei geht es um die Übertragung von Erkenntnissen aus der molekularen Zellbiologie und Genforschung in die Klinik. Mit dem Ausbau des Zentrums für experimentelle und klinische Forschung (ECRC) will der Arzt und Wissenschaftler eine weitere Brücke zwischen Forschung und Klinik schlagen – patientennahe Forschung nennt er das. Das ECRC wird in Buch gemeinsam mit der Charité betrieben. „Wir wollen das ECRC auf eine noch breitere Basis stellen im Hinblick auf Gebäude, Personen und Themen“, meint Rosenthal. Eine im Januar eingeweihte MR-Anlage mit einem 7-Tesla-MRT gibt diesem Vorhaben weiteren Aufwind: Sie liefert Bilder von extrem hoher Auflösung aus dem Körperinnern von Probanden und Patienten. „Wir erhoffen uns davon, neue Einblicke in die Entstehung insbesondere von Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen“, sagt Rosenthal. „Auf dieser Basis wollen wir dann neue diagnostische Verfahren und Therapien entwickeln.“

Auch über das ECRC hinaus forcieren MDC und Charité die enge Zusammenarbeit. Gleich beim Neujahrsempfang des Campus Buch hatten Rosenthal und der Vorstandsvorsitzende der Charité, Prof. Karl Max Einhäupl angekündigt, dass das MDC und die Charité noch enger kooperieren wollen.

Auch zu den anderen Berliner Universitäten und Forschungseinrichtungen pflegt das MDC gute Beziehungen. Diesem Ziel wird das vom MDC geplante Berlin Institute for Medical Systems Biology (BIMSB) auch räumlich Rechnung tragen. Es wird auf dem Campus der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte unweit der Charité erbaut und soll unter Leitung von MDC-Forscher Nikolaus Rajewsky biologische Netzwerke statt nur einzelne Gene ergründen.

Und schließlich plant Rosenthal gemeinsam mit der Charité den Ausbau der ehemaligen Robert-Rössle-Klinik auf dem Campus Buch. Diese Klinik möchten das MDC und die Charité nutzen, um dort Patienten und Probanden unterzubringen und zum Beispiel im Rahmen von Hochschulambulanzen von CharitéÄrzten betreuen zu lassen. Auch ein neues Ausbildungs-Center für Ärzte soll es dort geben. „Charite Ärzte können für ein bis zwei Jahre eine Auszeit nehmen und hier an Forschungsprojekten arbeiten“ sagt Rosenthal. „Am Ende sollen sie beides können: Grundlagenforschung und Klinik.“ Solche „Physician Scientists“, die Rosenthal als „typische Bucher Gewächse“ bezeichnet, gibt es bereits.

Prof. Rosenthals jüngster Umzug betrug nur wenige Hundert Meter. Sogar die Anschrift Robert-Rössle-Straße 10, Berlin- Buch, ist gleich geblieben. An diesem „Zufall“ ist er selbst mit Schuld. Rosenthal war es, der das Leibniz-Institut im Jahr 2000 vom Berliner Bezirk Lichtenberg auf den Wissenschafts-Campus Berlin- Buch brachte. Die räumliche Nähe zum MDC war Absicht. Schließlich war ihm schon damals die enge Zusammenarbeit beider Institutionen wichtig, weil sie sich hervorragend ergänzen: Während das MDC die molekularen Ursachen komplexer Krankheiten erforscht, sucht das FMP nach passenden Wirkstoffen – jedenfalls vereinfacht gesagt. Aber nicht nur der Nähe zum MDC wegen holte Rosenthal das FMP nach Berlin-Buch. Was bitte soll ein in die internationale Wissenschaftsgemeinde eingebundenes Institut im Niemandsland Lichtenberg? Rosenthal hatte das FMP in die Spitzen- Liga pharmakologischer Forschungsinstitute gebracht. Heute suchen Top-Wissenschaftler aus den USA die Zusammenarbeit mit dem Institut.

Das Risiko den trockenen Tüchern vorgezogen

Als Walter Rosenthal 1996 an das Berliner Leibniz-Institut berufen wurde, war die Zukunft dieser wissenschaftlichen Institution alles andere als gewiss. Dennoch hat Walter Rosenthal nicht lange überlegen müssen und seine trockenen Tücher in Gießen – als C4-Professor für Pharmakologie und Nachfolger des international anerkannten Pharmakologen Habermann – gegen die Berliner Herausforderung getauscht. Binnen 14 Tagen hatte er die Koffer gepackt und seine neue Stelle als Direktor des damaligen Forschungsinstituts für Molekulare Pharmakologie angetreten.

Am Berliner Institut fand er das, was er in einer universitären Einrichtung so nicht hatte finden können: „Das FMP hat einen breiten wissenschaftlichen Ansatz, weil hier Chemiker und Biologen zusammenarbeiten und schon damals die Strukturbiologie, die sich Proteine im atomaren Detail anschaut, vertreten war“, schwärmt Rosenthal. „Dieser breite Ansatz hat mich gereizt, den kann man universitär kaum finden.“ Hier spricht der Wissenschaftler. Verschmitzt lässt er durchblicken, dass vielleicht auch seine Affinität zu Berlin eine kleine, aber feine Rolle bei seiner Entscheidung gespielt haben mag. Rosenthal jedenfalls nennt es einen glücklichen Zufall, dass es ihn wieder in die Stadt verschlagen hat, in der er zwischen 1984 und 1991 als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Pharmakologie der FU Berlin tätig war und 1990 habilitierte.

Ob es wirklich Zufall war? Rosenthal ist zwar ein passionierter Wissenschaftler, der in der Welt der Moleküle und Proteine lebt, mit der S-Bahn ins Büro fährt und auch sonst Hierarchien nicht gern nach außen trägt. Aber zugleich ist er doch ein zielstrebiger Manager, der dreistellige Millionenbeträge an Forschungsgeldern bewegt. Es muss der Wissenschaftler in ihm sein, der sagt: „Es gab immer wieder Möglichkeiten, Wendepunkte in meinem Leben, die mehr zufällig als geplant waren.“ Wissenschaftliche Stationen in Gießen, Heidelberg, Houston und schließlich Berlin waren ganz sicher solche Wendepunkte.

Kein Zufall aber dürfte es sein, dass Rosenthal das Leben als „Entdeckungsreise“ bezeichnet. Beruflich eröffnet ihm die Wissenschaft eine riesige Bandbreite an Tätigkeiten, fernab von jeglicher Alltagsroutine. Als Mensch schätzt er die Vielfalt unserer abendländischen Kultur. Deshalb mag er sich auch nicht festlegen auf nur eine Kunstrichtung oder auf einen bestimmten Komponisten oder auf ein spezielles Hobby. Es sei genau die Möglichkeit, viele Möglichkeiten zu haben, die das Leben so interessant mache. Walter Rosenthal, der heute mit Frau und drei Kindern in Kleinmachnow lebt, meint, diese Einstellung hänge vielleicht mit seiner Herkunft zusammen, die er mit „einfachen Verhältnissen in den 50er Jahren“ umschreibt. Dass dieser Walter Rosenthal dann wissenschaftlicher Vorstand des Max-Delbrück- Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch wurde, war auch nur eine von vielen Möglichkeiten, aber ganz sicher eine wunderbare.    

Weitere Informationen:
PROF. DR.MED.WALTER ROSENTHAL wurde 1954 in Siegen/Westfalen geboren. Er studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen und am Royal Free Hospital, School of Medicine London (England) Medizin. 1990 habilitierte er sich an der Freien Universität (FU) Berlin im Fach Pharmakologie mit einer Arbeit zu G-Proteinen. Es folgten zwei Jahre am Baylor-College in Houston, Texas (USA) als Heisenberg-Stipendiat. Von 1993 bis 1996 war er Direktor des Rudolf- Buchheim-Instituts für Pharmakologie an der Universität Gießen. 1996 wurde er Direktor des Leibniz-Instituts für Molekulare Pharmakologie (FMP). Seit Januar 2009 ist er Stiftungsvorstand des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch, das zur Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschunsgzentren gehört. Zudem hat Prof. Rosenthal eine Professur an der Charité – Universitätsmedizin Berlin inne.

Beatrice Hamberger
BERLIN MEDICAL 02.09