Prof. Dr. med. Annete Grüters-Kieslich
„Das kriegt man hin“
Das Büro von Annette Grüters-Kieslich im Friedrich-Althoff-Gebäude am Campus
Mitte ist eine Baustelle. Schön soll es werden, der alte Parkettboden wird freigelegt. Aber Restaurierungen fordern ihren Preis. Selbst ihr Zufluchtsort, das
Büro der Sekretärin ist vom Lärm der Baustelle erfüllt. Deutschlands einzige
Dekanin einer medizinischen Fakultät stört das nicht. Sie weiß, dass man Ziele
nur erreichen kann, wenn man auch Einschnitte in Kauf nimmt. Seit sie im Vorstand von Europas größtem Universitätsklinikum sitzt, sind Einschnitte ihr
täglich Brot. Eine Lücke im operativen Ergebnis von 56 Millionen Euro wurde
Ende 2008 sichtbar, kurz nachdem sie ihr Amt im September 2008 angetreten
hatte. „Damit habe ich nicht gerechnet“, sagt Grüters-Kieslich. „Das Ausmaß der
wirtschaftlichen Schieflage des Haushalts sowohl im Bereich der Krankenversorgung als auch im Bereich der Fakultät war vorher so nicht sichtbar.“ Dennoch müsse es für ein Unternehmen mit 1,2 Milliarden Euro Jahresumsatz machbar sein, ein solches Loch zu stopfen. „Das kriegt man hin“, ist Grüters-Kieslich überzeugt.
Amt in schweren Zeiten: Millionendefizite und wachsender Instandhaltungsbedarf
Das Problem aber ist, dass die Medizinische Fakultät der Charité kein normales
Unternehmen ist. Bei steigendem Instandhaltungsbedarf sinken die Landeszuschüsse jährlich um 13 Mio. Euro, auch im nächsten Jahr. Und das Gros der Einnahmen ist auf Töpfe verteilt, in denen es nichts zu Rühren gibt. Für DFG- und BMBF-Forschungsprojekte musste die Charité dieses Jahr 21 Mio. Euro bereitstellen, sonst wären die Projekte nicht gefördert worden. Das Geld war im
Haushalt aber gar nicht eingeplant. So schrumpft der Spielraum immer weiter
gegen Null. Es muss gespart werden, aber wo?
Eine Nische hat sie ausgemacht. Es sind die Verwaltungskosten für Fläche
und Personal. Durch einen komplizierten Verteilungsschlüssel wird die Fakultät
in die Pflicht genommen. Das will sie jetzt ändern. Die Beteiligung an den
Overheadkosten müsse von derzeit 40 auf 20 Prozent gesenkt werden. „Das geht sicher nicht von heute auf morgen, aber da ist ein großes Potenzial.“ Geballter Widerstand dürfte ihr sicher sein. Pfründe der Vergangenheit werden ungern aufgegeben.
So ist es auch in anderen Bereichen. Es gilt als ausgemacht, dass die Charité nicht an allen drei Standorten gleich gut sein kann. Deswegen müssen
Schwerpunkte in Klinik und Forschung gesetzt werden. Oder anders ausgedrückt: Doppelstrukturen abgebaut werden. Nicht jeden freut das. Welcher Chefarzt oder Forscher gibt schon gerne Einfluss und Kompetenzen ab? Grüters-Kieslich spricht von einem schwierigen Integrationsprozess. Aber sie ist von dem Vorhaben überzeugt: „Wir können uns nicht alles blockieren lassen.“
Dass die Charité in Berlin-Buch keine Klinik mehr hat, findet sie bedauerlich.
Das PPP-Modell mit Helios habe gezeigt: „Man kann Forschung und Krankenversorgung nicht sauber trennen.“ Ein Aus für Buch bedeutet das trotzdem nicht. Die ambulanten Strukturen werden ausgebaut und in der Robert-Rössle-Klinik wird es weiter Forschungsbetten geben, also Betten, die aus Forschungsgeldern und nicht aus dem Gesundheitsfonds bezahlt werden. Für die überfällige Sanierung der Klinik habe man bereits einen Antrag im Landeshaushalt 2010/11 gestellt. Überdies ist die Charité zusammen
mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin am Experimental
and Clinical Research Center (ECRC) in Berlin-Buch beteiligt. „Wir sind ein
gutes Gespann“, sagt Grüters-Kieslich.
Derartige Kooperationen will sie weiter ausbauen. Berlin mit seiner gut vernetzten Forschungslandschaft sei dafür ein hervorragendes Pflaster.
Annette Grüters-Kieslich ist eine passionierte Kinderärztin und Wissenschaftlerin. Die Ärztliche Leitung des Charité Centrums für Frauen-, Kinder- und Jugendmedizin mit den genetischen Instituten die Deutschlands größte undforschungsaktivste universitäre Kinderklinik ist, aufzugeben, sei ihr nicht leichtgefallen. Warum sie diesen Schritt dennoch getan hat, erklärt sie so: „Ich habegemerkt, dass ich auch mit meiner Arbeit nicht weiterkomme, wenn die Charité nicht wirtschaftlich auf einem guten Kurs ist.“
Als Dekanin hat sie nun die Chance, das Flaggschiff Berlins auf Kurs zu bringen.
Doch die Kindermedizin kann und will sie nicht ganz aufgeben. Einige
Patienten betreut sie immer noch in ihrer „Freizeit“, die könne sie nicht im Stich
lassen. Es sind Familien, deren Kinder an seltenen Krankheiten leiden, zumeist
Hormonstörungen und Schilddrüsenleiden.
Auf diesem Gebiet hat sie sich einen Namen gemacht und die Charité mit zu
einem nationalen Zentrum für seltene Krankheiten im Kindesalter entwickelt.
Auch Krankheiten will sie weiterhin entschlüsseln.
Weil sie Spaß im Forschen hat, aber auch, weil sie so vielen Schicksalen
begegnet ist. Kindern zum Beispiel, die eine gut behandelbare Schilddrüsenentwicklungsstörung hatten und trotz früher Therapie an einer Bewegungsstörung litten. Hier fanden die Wissenschaftlerin
und ihre Arbeitsgruppe heraus, dass diese Kinder einen Defekt in einem Faktor hatten, der sowohl für die Entwicklung der Schilddrüse als auch für die Entwicklung jener Gehirn-Zellen verantwortlich ist, die für die Bewegung
wichtig sind. Zwar könne man diesen Defekt bislang noch nicht behandeln,
aber man habe zumindest die Erkenntnis gewonnen, dass die Erkrankung sich im erwachsenen Alter bessert. „Für die Eltern war das ein großer Trost.“
Wo bleibt der Mensch? Die Humanmedizinerin wehrt sich gegen Kommerzialisierung und 5-Minuten-Medizin
Das deutsche Gesundheitssystem, findet Grüters-Kieslich, sei noch immer eines
der besten der Welt. „Aber wir gehen damit verantwortungslos um und geben
Dinge auf, die wir nicht aufgeben müssten.“ Zum Beispiel Zeit für den Patienten.
„Wenn Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten hätten, könnte man die Menschen
gesünder machen“, erklärt sie. Bei zunehmender Kommerzialisierung und
5-Minuten-Medizin bleibe das auf der Strecke, was den Menschen wirklich
wichtig sei: Die persönliche Zuwendung und das Vertrauen in die Ärzte und Ärztinnen – Grundvoraussetzungen für einen Genesungsprozess.
Dabei war es gerade das „Menschliche“, was die heut 54-jährige Bochumerin,
bewogen hat Medizin zu studieren.
Schon als bald nahm sie sich vor, Kinderärztin zu werden. Der erste Wunsch
Ärztin zu werden manifestierte sich, nachdem sie im Alter von dreizehn Jahren
eine ältere Dame im Krankenhaus leiden sah, als sie ihre Großmutter in der
Klinik besuchte. „Das war so ein Schlüsselerlebnis, das mich sehr berührt hat“,
sagt sie. Danach beginnt ihr Weg in die Medizin. Als Schülerin schiebt sie freiwillige Sonntagsdienste im Krankenhaus, von 1973 bis 1980 studiert sie
Medizin an der Ruhruniversität Bochum und an der Freien Universität Berlin.
1981 schließt sie ihre Doktorarbeit ab und geht mit einem DfG Stipendium von
1982–1984 an die University of California, Los Angeles. Nach ihrer Rückkehr
setzt sie die Ausbildung zur Kinderärztin an der Kinderklinik der Freien Universität fort. Dort habilitiert sie sich 1991 und wird 1996 Oberärztin der Kinderklinik im Rudolf-Virchow-Klinikum und 1998 Professorin. 2003 übernimmt sie die Leitung der Poliklinik und des Sozialpädiatrischen Zentrums für chronisch
kranke Kinder an der Charité. Zusätzlich wird sie 2005 Ärztliche Leiterin des Charité Centrums für Frauen-, Kinder- und Jugendmedizin.
Ein stringenter Lebenslauf, der nicht einmal durch die Geburt ihrer beiden
Kinder unterbrochen wird, die heute 20 und 24 Jahre alt sind. „Ich hatte nicht
viel Zeit für meine Kinder“, gesteht Grüters-Kieslich, die viel Arbeit nicht als
Stress empfindet. „Aber wenn ich da war, dann habe mich ausschließlich den Kindern gewidmet und wir haben viel gemeinsam unternommen.“ Dass ihr
Sohn trotzdem Medizin studiert, habe sie selber überrascht, aber natürlich
gefreut. „Ein abschreckendes Beispiel kann ich offenbar nicht gewesen sein.“
Es fällt nicht schwer zu glauben, dass sie eine gute Mutter war. Annette Grüters-Kieslich, die als behütetes Einzelkind im Ruhrgebiet aufgewachsen ist,
und seit 25 Jahren eine glückliche Ehe führt, ist ein warmherzige Frau, so wie
man sich eine Kinderärztin wünscht. Neben ihren Stärken wie Durchhaltevermögen und Knacken harter Nüsse sieht sie auch eine Schwäche in sich: Empfindlichkeit „Es prallt nicht alles an mir ab. Persönliche Anfeindungen kann ich schlecht wegstecken.“ Keine Frau in Deutschland war länger als ein Jahr Dekanin in der Medizin, ob ihr das zu denken gibt? Annette Grüters-Kieslich
zuckt die Schultern. „Ich verstehe das von Tag zu Tag besser, aber man muss es versuchen und durchhalten.“
Beatrice Hamberger
BERLIN MEDICAL 01–August 2009

