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Herzschrittmacher
Leben nach einem anderen Rhythmus
Seit ihrer Kindheit hatte Martina Myrow Anfälle, bei denen sie das Bewusstsein verlor. Epilepsie, dachten die Ärzte lange. Dann ging sie zum Kardiologen. Der schickte sie sofort ins Krankenhaus, wo man ihr einen Herzschrittmacher einsetzte – wie jährlich rund 3000 Menschen in Berlin
Von Marc Neller
Ihr wird schlecht, denkt sie noch, und sie ahnt, was jetzt wieder kommen wird, sie wird umfallen, in wenigen Augenblicken, und sie wird das später nur wissen, weil man es ihr erzählt hat. Sie selbst kann sich an nichts erinnern. Alles ist wie gelöscht.
Seit ihrer Kindheit hat sie diese Anfälle, mehrmals im Jahr. Epilepsie, sagte ihr Arzt. Sie dachte: Ein Ritual, das sich ihr Körper mit ihr erlaubt, beängstigend einerseits, aber andererseits doch längst so vertraut, dass sie nichts lebensbedrohliches mehr dahinter vermuten musste. Dann ging sie zu einem Kardiologen, um sich untersuchen zu lassen.
„Das nächste Mal sind Sie tot!“, sagte der. Er hatte untersucht, ob ihr Herz regelmäßig schlägt oder ob es Auffälligkeiten wie Rhythmusstörungen gibt. Sie bekam ein Langzeit-Elektrokardiogramm, kurz EKG, das 24 Stunden lang die Herztätigkeit misst und aufzeichnet. Martina Myrow sagt, sie könne von Glück reden, dass ihr innerhalb dieser Zeit wieder übel wurde und sie umfiel und sich hinterher an nichts mehr erinnerte. So kam es heraus.
Das Herz ist ein biologisches Wunderwerk, rund 100 000 Schläge am Tag, fast 40 Millionen im Jahr. Bei einem 70-jährigen Menschen hat es durchschnittlich drei Milliarden Pumpzüge hinter sich. Für diese Schläge gibt es einen Dirigenten, den Sinusknoten, der den Takt vorgibt. Der Dirigent bekommt Befehle aus dem Gehirn und dem zentralen Nervensystem, und er wird beeinflusst von Stresshormonen wie Adrenalin. Über bestimmte Leitungsbahnen, vergleichbar mit Kabeln in einem Elektrogerät, wird der Befehl des Sinusknotens in alle Bereiche des Herzens weitergeleitet. Dadurch läuft die Muskelkontraktion der vier Herzkammern nach einer bestimmten zeitlichen Reihenfolge ab.
Manchmal aber kommt der Takt ins Stottern. Nachdem der Kardiologe die Aufzeichnungen gesehen hatte, die das Langzeitkardiogramm von Martina Myrows Herzen gemacht hatte, überwies er sie sofort ins Krankenhaus. Die Anfälle, sagte er, seien vermutlich Synkopen, kurze Bewusstseinsverluste, die Sekunden oder Minuten andauern und die unterschiedliche Ursachen haben können. Herzklappenfehler zum Beispiel oder Herzrhythmus-Störungen, längere Aussetzer, Synkopen.
Jetzt hat Martina Myrow, 50 Jahre alt, eine zierliche Frau mit kurzen hennaroten Haaren, Friseurin aus Pankow, einen Herzschrittmacher. In ihrer Brust, unter dem Schlüsselbein sitzt ein Computer, kleiner als eine Streichholzschachtel. Er gleicht fehlende Impulse des Herzens aus.
Der Arzt hatte noch gesagt, sie solle sich keine Sorgen machen. Die Operation sei nicht sonderlich gefährlich, früher einmal. Aber das sei lange her. Der Einsatz eines Herzschrittmachers ist inzwischen eine Standard- Operation.
In Deutschland leben etwa 350 000 Menschen mit so einem künstlichen Taktgeber. Jedes Jahr kommen etliche hinzu, allein in Berlin sind es mehr als 3000. Die meisten von ihnen sind älter als 60, doch manche sind noch Kinder. Beim Arzt kam Martina Myrow mit einem Jugendlichen ins Gespräch, 17 Jahre alt, er wollte Leistungssportler werden. Auch er musste sich einen Herzschrittmacher einsetzen lassen.
Manchmal ist das Herz zu schnell, Herzrasen und Kammerflimmern sind die Folge. Manchmal ist es zu langsam. Einer von zehn Schrittmacher-Patienten kommt mit einer lebensgefährlich niedrigen Herzfrequenz von 40 oder weniger Schlägen in der Minute in die Notaufnahme eines Krankenhauses.
Endlich haben sie was gefunden, dachte Martina Myrow im ersten Moment. Dann fing sie an zu heulen. „Das Schlimmste“, sagt sie, „ist, wenn man anfängt zu begreifen, wie nahe man dem Tod schon war.“
Manche sacken beim Autofahren zusammen, das Auto rast führerlos weiter. Oder sie sind zu Fuß unterwegs, plötzlich fallen sie hin, brechen sich etwas und können sich an nichts erinnern. „Für einen Arzt in der Notaufnahme sind das Anzeichen, die unter Umständen auf einen Herzinfarkt hindeuten können“, sagt Jörg Krimnitz. Er ist 45 Jahre alt, Facharzt der Abteilung für Innere Medizin in der Maria Heimsuchung Caritas Klinik in Pankow. Krimnitz hat Martina Myrow operiert.
Kurz bevor die Betroffenen ihr Bewusstsein verlieren, erfasst sie ein Schwindel, vielleicht verspüren sie etwas Atemnot, ein Druckgefühl auf der Brust. Wenn sie Glück haben, schüttet der Körper genügend Adrenalin aus und bringt das Herz wieder zum schlagen. Wenn sie Glück haben, ist in diesen Momenten jemand bei ihnen. Denn es kann um Minuten gehen. Zeit, die die Ärzte brauchen können, um eine sichere Diagnose zu stellen. Die Operation ist keine große Sache.
Örtliche Betäubung, Vollnarkose eher selten. Skalpell. Ein Schnitt, fünf bis zehn Zentimeter unter dem Schlüsselbein. Dort wird der Schrittmacher meistens unter die Haut eingesetzt. Gucken Sie doch mal hin, sagte die OP-Schwester. Oh Gott nee, dachte Martina Myrow.
Der Operateur formt aus der Unterhaut ein kleine Tasche, in die er später das Aggregat steckt. Dann führt er die dazugehörigen Elektrodenkabel durch eine große Vene zum Herzen. Unter Röntgensicht prüft er die Position der Elektroden und die Herzstruktur, um sicherzugehen, dass er die Elektroden (auch Sonden genannt) richtig platziert. Dann ein Test: Messen die Elektroden die Aktivität des Herzens?
Der Arzt verbindet die Elektroden mit dem Aggregat und näht sie auf dem darunterliegenden Muskelgewebe fest.
Etwa eine halbe Stunde dauert die Operation, manchmal eine. Die Batterie eines Schrittmachers funktioniert fünf bis zehn Jahre, dann wird das Aggregat ausgetauscht. Nach der Operation sagte Krimnitz, Martina Myrow könne alles wieder machen. „Aber fangen sie langsam an.“
„Es ging gar nicht anders“, sagt Martina Myrow. In der ersten Woche nach der Operation ist sie gerade von ihrem Bett bis zur Toilette gekommen. Danach war sie jedesmal fix und fertig. An manchen Tagen hat sie es kaum aus dem Bett geschafft.
Zwei Wochen später sieht das schon etwas anders aus. Die erste Woche Reha in einer Brandenburger Spezialklinik. Von morgens acht bis mittags hat sie Programm in einer Gruppe: Wandern, Wassertreten, Fahrradfahren auf dem Ergometer. Sie macht eine fächernde Handbewegung aus dem Gelenk heraus, die bedeuten soll: das alles hat es in sich.
Ein warmer Sonntagnachmittag, die Sonne scheint, Martina Myrow sitzt unter den hohen Bäumen vor der Reha-Klinik auf einer der Bänke. Die Vögel zwitschern. Berlin und der gewohnte Alltag, die Arbeit, das alles ist weit weg in diesem Moment. Die Bedingungen, unter denen man die ersten Schritte in ein neues Leben geht, könnten schlechter sein.
Sie will ihr Leben etwas umkrempeln. „Ich muss lernen, ruhiger zu werden“, sagt sie. Dazu gehört auch, dass sie versuchen will, etwas weniger zu arbeiten. Sie hat schon mit ihrer Chefin gesprochen deswegen, die war einverstanden. „Ich weiß, dass ich Glück habe. Bei der Lage auf dem Arbeitsmarkt ist das ja nicht selbstverständlich“, sagt Martina Myrow. Sie streicht mit der Hand über die Stelle, an dem der Schrittmacher sitzt. Sie sagt, sie könne ihn fühlen.
Sie ist zierlich, Menschen mit viel Fettgewebe spüren ihre Schrittmacher eher nicht. Der Gedanke sei ihr noch fremd, dass sie etwas Künstliches in sich trage, sagt sie einmal. „So nah am Herzen. Und was, wenn das Ding plötzlich nicht mehr funktioniert?“ Ein paar Wochen später denkt sie immer seltener daran.
Was bleibt, ist etwas anderes. Ein Rest Angst davor, alleine auf die Straße zu gehen. Sie weiß, es sollte nicht mehr passieren. Die Ärzte haben sie beschwichtigt.
Und trotzdem. Jeder Anfall, das hat sich eingebrannt, könnte der letzte sein.
Googeln, bis der Arzt kommt
Immer mehr Patienten nutzen das Internet, um sich über ihre Krankheit und Therapien zu informieren
Die Knorpel in Elvira Holbrechts* Hüfte sind verschlissen, sie wird ein künstliches Gelenk eingesetzt bekommen. Gleich drei Orthopäden haben ihr dazu geraten. Frau Holbrecht vertraut ihnen, sagt sie. Aber sie hat ihren Sohn gebeten, ihr noch ein paar Informationen aus dem Internet zu suchen. Zur Sicherheit. Tags darauf bringt der Sohn einen backsteindicken Stapel Papier. Frau Holbrecht las ein paar Seiten, dann legte sie den Stapel beiseite. Sie verstand den Fachsprech nicht, in dem die Texte verfasst sind.
Immer mehr Menschen informieren sich im Internet darüber, wie eine ihnen bevorstehende Operation abläuft oder welche anderen Therapiemöglichkeiten es gibt. Und vermutlich versuchen es die meisten Patienten auf die gleiche Weise wie Frau Holbrechts Sohn: Sie geben in eine Suchmaschine Schlagworte wie „Künstliches Kniegelenk“ oder „Krebs“ ein – und erhalten eine Liste mit zehntausenden Treffern. Das Ergebnis: ein schwer durchschaubarer Datenwust. Für einen Laien ist schwer erkennbar, ob eine Therapie- oder Medikamenten-Empfehlung, auf die er im Netz stößt, sachlich begründet ist. Oder ob es sich um Produktwerbung handelt, die unter dem Deckmantel fachlicher Beiträge daherkommt.
Die Mediziner sind skeptisch. „Es ist kaum möglich, im Internet Informationen zu bekommen, die seriös sind – und verständlich“, sagt Christian Geiger. Er ist Chefarzt der Abteilung Chirurgie im Jüdischen Krankenhaus in Berlin-Wedding. „Alle, die Informationen ins Netz stellen, haben etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Also verfolgen alle ein bestimmtes Interesse.“ Mit dieser Meinung steht Geiger nicht allein da, viele Kollegen sehen es ähnlich. Jochen Schulze Buschoff etwa, Facharzt für Gefäßmedizin in den St. Hedwig-Kliniken in Berlin- Mitte. Einen positiven Aspekt kann er dem Informations-Angebot im Internet aber doch abgewinnen. Dass sich Patienten die Mühe machten, sich zu informieren, „bedeutet doch, dass wir uns genügend Zeit nehmen sollten, um eine Therapie oder eine Operation und deren Sinn wirklich gut zu erklären“.
Sachkompetenz, Informationen, die verständlich aufbereitet sind und inhaltliche Unabhängigkeit, darauf kommt es an. Die Suchmaschinen durchforsten das Netz natürlich nicht nach Qualitätskriterien, wie auch? Die Trefferlisten wären sonst deutlich übersichtlicher.
Aber es ist nicht so, dass es keine positiven Beispiele gäbe. Die Internet-Seiten einiger Ärztefachverbände etwa. So ist der Internet-Auftritt der Deutschen Krebsgesellschaft übersichtlich, gehaltvoll und dazu sprachlich so aufbereitet, dass auch ein medizinischer Laie leicht versteht, worum es geht. Unter anderem erfährt man, wo es in der näheren Umgebung zertifizierte Zentren für die Behandlung von Brustkrebs gibt. Für Leiden, die in das Fachgebiet von Orthopäden fallen, gibt es ebenfalls ein Informationsportal des Berufsverbandes. Dort findet man vor allem dank einer guten Navigation schnell wichtige Basisinformationen. Mit zwei Mausklicks erfährt man Grundlegendes über die Funktionsweise des menschlichen Bewegungsapparates oder über Arthrose-Erkrankungen in Knien oder Hüfte.
Die Zahl der Schlaganfälle steigt stetig – und mit ihnen die Zahl der mittelbar oder unmittelbar Betroffenen. Wie auch deren Informationsbedürfnis. Die Deutsche Schlaganfallhilfe versucht, diesem Bedürfnis mit wichtigen Basis-Informationen im Internet zu begegnen. Auch dort findet man die wichtigsten Zahlen, Erklärungen und Adressen – von Krankenhäusern mit zertifizierten Versorgungseinrichtungen etwa. Und doch: Dass die Informationen im Internet ein Gespräch mit dem Arzt ersetzen können, glaubt kaum jemand.
Auch Silke Haffner nicht, die Geschäftsführerin des Medizin-Portals „Netdoktor“. Der Anspruch sei, einen fundierten Überblick zu bieten. Alle Artikel über Krankheiten und Medikamente sind von Medizinern geschrieben. Eine achtköpfige Redaktion prüft, ob die Texte verständlich sind. Netdoktor finanziert sich nach eigenen Angaben über Werbeanzeigen und indem die Firma Portale für Krankenkassen erstellt. *Name geändert
www.krebsgesellschaft.de
www.orthinform.de
www.schlaganfall-hilfe.de
www.herzstiftung.de
www.netdoktor.de

