Gynäkologische Operationen
Das unheimliche Gewächs
Eine Frau verspürt Druck in der Magengegend, schwanger ist sie nicht. Die Frauenärztin sagt: Tumor, die Gebärmutter muss raus. Rund 6000 Frauen unterziehen sich jährlich in Berlin solch einem Eingriff im Krankenhaus (18.05.2006, 18:32 Uhr)
Zuerst verspürte sie einen unangenehmen Druck im Bauch, irgendwann bekam sie den Reißverschluss ihrer Hosen nicht mehr zu, weil der Bauch immer weiter wuchs, als sei sie schwanger. Aber das war sie nicht. Und wer Yvonne H.* sieht, der ahnt, das so eine Frau nicht innerhalb kurzer Zeit eben mal ein paar Pfunde zunimmt. Eine kleine Frau, 37 Jahre alt, einssechzig groß. Ihr mädchenhaftes Gesicht und die dünne, blasse Haut passen zu ihrer zierlichen Gestalt.
Ihr Arzt, ein Allgemeinmediziner, diagnostizierte eine Darmausbuchtung. Er erklärte, das sei etwas ganz Seltenes. „Als könnte ich darauf stolz sein“, sagt sie. Ein Jahr liegt das zurück. Heute weiß Yvonne H., dass der Arzt mit seinem Befund weit daneben lag. Sie hatte kein Gewichtsproblem und auch keine seltene Organausbuchtung sondern eine Geschwulst in der Gebärmutter. Die Gynäkologin, die das feststellte, sagte: Das kranke Organ muss dringend raus. Sie überwies ihre Patientin sofort in die Park-Klinik Weißensee. Das war im März.
Damals wusste Yvonne H. noch nicht, was da in ihrem Körper wucherte. „Ich dachte nur: hoffentlich kein Krebs.“ Die Ärzte in der Klinik sagten: gutartig. Zwei Wochen Krankenhaus – und alles ist ausgestanden. Die Operation bedeutet, dass eine Frau keine Kinder mehr bekommen wird, aber daran habe sie nicht gedacht, sagt Yvonne H. „Ich wollte nie welche.“ Das unterscheidet sie von einem großen Teil der rund 6000 Berliner Frauen, die diese Operation jährlich über sich ergehen lassen müssen.
Mitte März wurde Yvonne H. operiert. Das Organ, dass Dieter Johannsmeyer, Oberarzt der Gynäkologie der Park-Klinik, aus ihrer Bauchhöhle holte, kann man ohne Übertreibung außergewöhnlich nennen: Die Wucherung in der Gebärmutter – Ärzte nennen das Myom, eine gutartige Geschwulst im Muskelgewebe – hatte das normale Gewicht der Gebärmutter fast verzwanzigfacht. Allein das Myom wog 1,3 Kilogramm.
Johannsmeyer sitzt in seinem kleinen Klinik-Büro mit Blick auf den Park. In seinem Archiv hat er Panoptikum von Myomen: Fleischbrocken, die sich in der Wand der Gebärmutter breit gemacht haben. Manche sind nur fingerkuppengroß, andere haben die Ausmaße einer Männerfaust. Manche wachsen an „Stielen“ aus der Gebärmutter heraus oder in den Hohlraum des Organs hinein. So eine Geschwulst kann zwischen 250 und 500 Gramm wiegen, in Extremfällen über einem Kilogramm – wie bei Yvonne H. Johannsmeyer also hat viel gesehen, Aber noch immer ist er überrascht, wie lange die Frauen notwendige Operationen vor sich herschieben. „Sie kommen zu uns mit aufgeblähtem Bauch wie bei einer Schwangeren im fünften oder siebten Monat.“ Bis Myome so groß werden, dauert es Jahre, oft haben sie lange Beschwerden verursacht.
Die Hälfte aller Frauen hätten Myome, sagt Johannsmeyer. Warum sie entstehen, ist unklar. „Könnte sein, dass die Östrogene, die weiblichen Hormone, etwas damit zu tun haben“, sagt Johannsmeyer. Auch die genetische Veranlagung könne auch eine Rolle spielen. Und längst nicht immer müsse man operieren. „Leider kommen auch Frauen zu uns, denen man zur operativen Entfernung der Gebärmutter geraten hatte – obwohl das nicht nötig wäre“, sagt Johannsmeyer. Dann schicke er die Patientinnen wieder nach Hause – „manchmal auch im Widerstreit mit dem einweisenden Arzt“.
Oft bilden sich Myome von selbst wieder zurück. Andere aber Wucherungen aber wachsen ungebremst – und werden irgendwann zum Problem. Sie können Unterleibsschmerzen verursachen, weil sie auf Blase, Darm oder Rücken drücken. Sie können die Regelblutung stören. Aber: „Die operative Entfernung muss an letzter Stelle stehen – wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.“
Eine solche Alternative wäre zum Beispiel ein organerhaltender Eingriff, bei denen der Arzt nur die Myome herausnimmt. Sind die Wucherungen dafür zu groß, kann der Arzt versuchen, sie mit Medikamenten zu verkleinern. „Dazu werden bis zu sechs Spritzen verabreicht“, sagt Johannsmeyer. Der Schrumpfungsprozess hält nur an, solange die Arznei gegeben wird. Mehr als sechs Dosen aber verträgt der Organismus nicht. Unterschreitet die Wucherung eine bestimmte Größe, kann der Chirurg sie entfernen.
Eine relativ neue Möglichkeit ist die Verödung der Blutgefäße, die das Myom mit Nährstoffen versorgen – im Fachjargon heißt diese Methode Myomembolisation. Dieses Verfahren ist eine Art künstlicher Infarkt. Dazu wird ein langer, sehr dünner Kunststoffschlauch – ein Katheter – in die Arterie im rechten Oberschenkel eingeführt und über die Blutbahnen bis zu den Gefäßen der Gebärmutter vorangeschoben, die mit dem Myom verbunden sind. Durch den Schlauch werden dann kleine Plastikkügelchen eingespritzt, die die Adern verstopfen. Im besten Falle stirbt das Gewebe des Myoms danach ab.
Für Yvonne H. waren das alles keine Alternativen mehr. Selbst für die schonende Entfernung der Gebärmutter, durch die Scheide, war es zu spät. Die Wucherung war zu groß, also musste der Chirurg den Bauch öffnen. Der Eingriff hat eine 20 Zentimeter lange Narbe von Yvonne H.’s Bauchnabel bis zum Unterbauch hinterlassen.
Am häufigsten aber wählen die Ärzte den Weg über die Vagina – bei nahezu 70 Prozent der Patientinnen. Die Wunde verheilt schneller. Bei diesem Eingriff zieht der Chirurg die Gebärmutter, die nur knapp zwölf Zentimeter über dem Scheideneingang sitzt, Stück für Stück aus dem Körper heraus. Bei jedem Schritt werden die zahlreichen Verbindungen des Organs zum Körper gekappt, die Wunden mit einem Faden abgebunden. Bei einer neueren Methoden werden die Schnittwunden sofort mit einer Zange, die durch starke Stromstöße erhitzt wird, „verkocht“ und so verschlossen. Dabei fließt fast kein Blut. Nach 15 bis 60 Minuten ist so ein Eingriff in der Regel überstanden. Der Weg über einen Bauchschnitt ist zwar einfacher, dauert aber etwas länger: eine Stunde, maximal 90 Minuten. Eine minimalinvasive Operation, wegen der kleinen Schnitte auch Schlüsselloch-Eingriff genannt, dauert dagegen bis zu drei Stunden dauern. Jede zehnte Frau, deren Gebärmutter entfernt werden muss, wird inzwischen so operiert. Die Methode gilt als schonend. An der Park-Klinik Weißensee wird sie aber noch relativ selten angewandt, weil noch die Erfahrung fehlt.
Denn davon hängt der Erfolg dieser Methode ganz entscheidend ab, wie auch die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) in Düsseldorf bestätigt. Die BQS wertet die Qualitätsdaten der deutschen Krankenhäuser auswertet. In der Einführungsphase von minimalinvasiven OP-Techniken verschlechterten sich immer auch die BQS-Qualitätswerte. Das sei fast unvermeidlich, denn es brauche eine gewisse Erfahrung, um mit dieser Technik klarzukommen.
Die Klinik für minimalinvasive Chirurgie auf dem Gelände des Zehlendorfer Hubertus-Krankenhauses führt 90 Prozent all ihrer Eingriffe laparoskopisch durch – bei über 1000 gynäkologischen Operationen im Jahr 2004. Eine höhere Fallzahl hat nur das Vivantes Auguste Viktoria Klinikum in Berlin-Schöneberg.
Ist die Entfernung der Gebärmutter eine schwierige Operation? „Das kann einen Facharzt schon ins Schwitzen bringen“, sagt Johannsmeyer. Bei ihm liegt die Zeit, als er bei so etwas ins Schwitzen geriet, schon eine Weile zurück. Der Chirurg ist 60 Jahre alt und hat in seinem Berufsleben schon mehrere hundert Gebärmütter entfernt. Die Haut seiner Hände ist von dem häufigen Desinfizieren vor den Eingriffen trocken geworden.
* Name geändert
Gebärmutterentfernung
Die Angst, keine Frau mehr zu sein
Ein Gynäkologe hat über 200 Frauen befragt, denen eine Entfernung der Gebärmutter bevorstand. Und er bat sie, das Organ zu zeichnen. Denn es ist ein besonderes. (18.05.2006, 18:53 Uhr)
Eine ungewöhnliche Frage, eigentlich eine Bitte. „Malen Sie uns Ihre Gebärmutter?“, sagte Michael Adebahr, ein Gynäkologe in einem Ärztehaus in Pankow. Insgesamt 385 Frauen bat er – kurz bevor ihnen der Uterus entfernt werden sollte. Und ein halbes Jahr später noch einmal. Die meisten willigten ein. So entstand zwischen 1999 und 2001 ein einzigartige Sammlung von 210 Bildpaaren, auf denen Frauen ihre Schmerzen, ihre Ängste und auch ihre Befreiung von Beschwerden festhielten.
Vor der Operation zeichnete eine Frau ihre Gebärmutter als Regenwolke, ein halbes Jahr später als Sonne. Eine andere stellt sich vor dem Eingriff eine große schwarze Scheibe vor, ein halbes Jahr später als ein kleines Rechteck. Eine dritte sieht nach dem Eingriff nur noch ein Loch in ihrem Körper: „weg!“ hat sie neben der Stelle ihres Körpers geschrieben, wo der Uterus saß.
Operationstechnik und eine möglichst schnelle Heilung sind der eine, der medizinische Aspekt einer Gebärmutterentfernung. Doch der andere ist der psychologische. Schließlich ist die Gebärmutter eines der zentralen Organe, dessen Fehlen sich auf das Selbstbild von Frauen auswirkt. Das zeigte auch die bisher unveröffentlichte Studie von Michael Adebahr.
Die Frauen berichtete von den Ängsten nach, die sie vor einer solchen Operation beherrschen. Der vor dem Verlust des Selbstbildes zum Beispiel. „Vor der Operation gaben 56 Prozent der Frauen an, die Gebärmutter sei ein Symbol der Weiblichkeit“, sagt Adebahr. „Ein halbes Jahr nach dem Eingriff meinten dies nur noch 39 Prozent.“ Ein Abfinden mit der Situation – oder tatsächliche Erleichterung? Weit 80 Prozent der Frauen sind nach der Operation erleichtert. „Schließlich kommen die meisten Patientinnen mit einem hohen Leidensdruck in die Klinik“, sagt Adebahr. Starke Schmerzen zum Beispiel.
Acht Prozent auf der anderen Seite haben ein echtes psychisches Problem damit, ohne Gebärmutter leben zu müssen. Es geht dabei auch um Sexualität: Manche Patientinnen fürchteten sich davor, danach eine „ausgehöhlte Gans“ zu sein, sagt ein Gynäkologe etwas drastisch. Sie hätten Angst, dass sich ihr Mann von ihnen abwenden könnte, weil er sie nicht mehr als echte Frau wahrnehme. Alles bekannte Phänomene auch aus der Brustkrebschirurgie. Und auch mit ähnlichen Erfahrungen: „Es ist ja dann oft nicht der Mann, der sich abwendet, sondern die Frau, die sich zurückzieht, sagt Dieter Johannsmeyer, Oberarzt der Gynäkologie der Park-Klinik Weißensee.
Für Frauen ist die Gebärmutter offenbar in der Tat etwas besonderes. „Es gab in meinem Berufsleben sogar zwei Patientinnen, die wollen ihre herausoperierte Gebärmutter in Formalin gegossen mit nach Hause nehmen“, sagt Johannsmeyer. (Von Ingo Bach)
Selbsthilfegruppen
Ein Netz für Patienten
Umfrage unter Berliner Selbshilfegruppen: Was erwarten Kranke von einer Klinik? (18.05.2006, 18:48 Uhr)
Auf der einen Seite der einweisende Arzt, auf der anderen Seite das Krankenhaus – und irgendwo dazwischen wird der Patient hin- oder hergeschoben.
Dieses Bild des bevormundeten Kranken stimmt so immer weniger. Denn die Patienten informieren sich immer häufiger selbst, bevor sie sich in Behandlung begeben. Auch und besonders bei Selbsthilfegruppen. Und davon gibt es in Berlin einige: allein über 200 Gruppen zu medizinischen Themen bieten Beratung und Erfahrungsaustausch – von Gruppen der Herzkranken und Herzoperierten oder Diakonie-Gruppen für Brustkrebspatientinnen und Gesprächskreisen über Prostata-Krebs bis zur Rheumaliga und dem Diabetiker-Bund.
Die Selbsthilfegruppen geben ihr Wissen gern weiter – auch an Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin. Denn die Resonanz auf unsere nicht repräsentative Umfrage unter den Selbsthilfegruppen, die von Karin Stötzner, der Berliner Patientenbeauftragten und Leiterin des Berliner Netzwerk der Selbsthilfegruppen (Sekis) unterstützt wurde, war enorm.
35 Selbsthilfegruppen beantworteten den Bogen, auf dem wir nach Klinik-Empfehlungen fragten und nach Anforderungen, die ein Krankenhaus aus Patientensicht erfüllen sollte. Diese Gruppen repräsentieren nach eigenen Angaben rund 1000 Mitglieder aus Berlin.
Zum Schlaganfall meldeten sich fünf Selbsthilfegruppen mit rund 80 Mitgliedern. Sie empfehlen zum Beispiel die DRK-Kliniken Köpenick, das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth- Herzberge in Lichtenberg, das Vivantes Wenckebach-Klinikum und das Benjamin Franklin Klinikum. Von den Ärzten und Schwestern wünschen sie sich, nach der Operation nicht nur medizinisch betreut zu werden, sondern auch Beratung zu erhalten: zu Reha-Anträgen, zum Schwerbehindertenrecht und zu den Leistungen der Krankenkassen bei Beeinträchtigungen. Auch könnten die Kliniken ihren Patienten vor der Entlassung einen Tipp geben, wo sie in ihrem Stadtbezirk eine Selbsthilfegruppe finden – als Teil der Nachbehandlung.
Auch zum Brustkrebs gibt es zahlreiche Selbsthilfegruppen. Fünf von ihnen, die 90 Patientinnen repräsentieren, haben sich an der Umfrage beteiligt. Oft genannt wurden von ihnen das Evangelische Waldkrankenhaus in Spandau, das Sana Klinikum Lichtenberg, das St. Gertrauden-Krankenhaus in Wilmersdorf, das Vivantes-Klinikum am Urban und das Helios Klinikum Berlin-Buch. Die betroffenen Frauen vermissen aber oft Integrationsangebote nach der Operation, die auch die Familien mit einbeziehen. Viele Patientinnen fühlen sich emotional allein gelassen, einige Gruppen schlugen vor, das Amt einer Vertrauensschwester einzurichten. Auch müssten die Kliniken mehr alternative Therapien anbieten oder darüber informieren – selbst wenn diese nicht immer schulmedizinisch hundertprozentig abgesichert seien.
Zu Gelenkerkrankungen und RheumaTherapie erhielten wir Rückmeldungen von 13 Gruppen, die rund 130 Mitglieder vertreten. Häufig nannten uns die Mitglieder dieser Gruppen zum Beispiel das Immanuel-Krankenhaus, die Rheumaklinik Buch und die Schlosspark–Klinik sowie die Rheumatologie der Charité in Mitte.
Manfred Steinbach, Rentner aus Friedrichsfelde, ist einer von den Aktiven in der Selbsthilfe-Szene. Der 64-Jährige wird bald eine Herzklappen-Operation überstehen müssen. Seit seinem Herzinfarkt vor acht Jahren kennt auch er die Arztpraxen und Kliniken dieser Stadt sehr genau. Und er kennt die Sorgen der Patienten, denn er hat zwei Selbsthilfegruppen zu Herzbeschwerden und Diabetes aufgebaut, in Wilmersdorf und Hohenschönhausen. „Dort treffen sich verschiedene Leute, um über ihre Erfahrungen zu sprechen“, sagt er. „Vor allem vor einer schweren Operation fühlen sich viele Patienten unsicher, wissen nicht, was sie wirklich erwartet. Die Ärzte haben höchstens zwei, drei Minuten für ein Gespräch, da bleibt vieles offen.“ Doch manchmal nehmen sich Mediziner so richtig Zeit. „Einmal hatten wir den Chefkardiologen einer Klinik zu einer Fragestunde zu Gast, das dauerte fünf Stunden.“
Sekis mit den Kontaktdaten der Berliner Selbsthilfegruppen ist im Internet unter www.sekis.de erreichbar. Telefon: 892 66 02 (montags 12 Uhr bis 16 Uhr, mittwochs 10 Uhr bis 14 Uhr und donnerstags 14 Uhr bis 18 Uhr). Sekis-Büro in der Albrecht-Achilles-Straße 65, 10709 Berlin
(Von Ingo Bach und Heiko Schwarzburger)

