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Geburtshilfe

Ganz nah am Glück

Sie wird Mutter. Das Ideal ist die natürliche Geburt, ohne Komplikationen. Aber manchmal läuft es anders. Seit Jahren steigt die Zahl der Kaiserschnitte. Und für Problemfälle gibt es spezialisierte Zentren. Ein Report von Marc Neller (16.05.2006, 18:22 Uhr)

Die junge Frau Dimar* in Zimmer 5 hat es eilig. Kaum eine Stunde ist es her, dass sie mit Wehen auf die Station kam, da setzt sich die geheimnisvolle Mechanik der Geburt in Gang. Die Frau empfängt ihr drittes Kind. Keinerlei Probleme. Es kann auch anders laufen. Stundenlang hing Anna Ulich am Tropf, hat den Wehenschreiber beobachtet, wurde untersucht: Lage des Kindes in der Gebärmutter, Herztöne, Versorgung mit Sauerstoff. Dann haben sie entschieden, Oberärztin, Arzt, Hebamme: Zeit zu handeln, das Risiko ist zu hoch. Für das Kind, für die Mutter, die durch den Kräfte zehrenden Marathon stark geschwächt ist. Also Kaiserschnitt. Alles vorbereiten.

Regionale Betäubung, Vollnarkose nur in besonderen Fällen, die Mutter soll ihr Kind gleich sehen. Herr Ulich steht am Kopfende des Operationstisches, hinter seiner Frau. Der Arzt, Alfredo Gonzalez, 35, führt das Skalpell mit präzisen Bewegungen. Schnitt in den Unterbauch, durch die Bauchdecke und die Wand der Gebärmutter. Der Kopf des Kindes erscheint, kurz darauf der kleine Körper. Die Hebamme kümmert sich um das Baby, der Arzt vernäht den Bauch. Operationszeit: 32 Minuten. Willkommen in der Geburtsstation des Mutter-Kind-Zentrums in Neukölln, wo jährlich rund 3200 Frauen ihre Kinder zur Welt bringen. Das Haus ist eines von zwei Perinatalzentren in der Stadt, was frei übersetzt in etwa heißt: hoch spezialisierte Geburtskliniken, zuständig auch für schwierigsten Fälle: Frühchen oder lebensbedrohlich erkrankte Babys, für die man eine Intensivstation und eigens ausgebildete Experten braucht. Das zweite Zentrum unterhält die Charité - an zwei Standorten: in Berlin-Mitte und im Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding.

Laut einer Statistik der Senatsgesundheitsverwaltung wurden in den vergangenen Jahren durchschnittlich zwölf Prozent aller Neugeborenen mit Erkrankungen geboren, die Hälfte davon mit lebensgefährlichen Atem- oder Herz-Kreislauferkrankungen. Fachleute sehen darin einen wichtigen Grund, warum trotz alternativer Angebote wie Geburtshäusern, Hebammenpraxen oder Hausgeburten rund 96 Prozent aller Berliner Kinder in Kliniken zur Welt kommen.

Die Kommandozentrale der Geburtsstation in Neukölln ist ein kleiner Raum mit Glasfront. Bildschirme zeigen flache Linien und Kurven, die aussehen wie Aktienkurse. Sie geben den Herzschlag von Kindern wider, die in Kürze geboren werden. Und die Stärke der Wehen der Mütter. Hier beobachten die Ärzte und die Hebammen aus der Vogelperspektive die letzten Stunden einer Schwangerschaft. Es gibt Dinge, die man aus dieser Perspektive kaum ergründen kann. Zum Beispiel, warum vieles anders kommt, als vermutet. Warum etwa Anna Ulich, 37 Jahre alt, vier Kinder, ihr fünftes nun nicht mehr auf natürliche Weise gebären kann. Oder warum sich Frau Becker in Zimmer 6 seit Stunden quält, obwohl ihre starken Wehen eine schnelle Geburt versprachen. Stattdessen: Geburt mit einer Saugglocke. Es muss schnell gehen, denn die Flüssigkeit in der Fruchtblase ist grünlich verfärbt. Ein Hinweis darauf, dass der Junge während der Geburt nicht mehr mit genug Sauerstoff versorgt wird. Vor allem das Kindspech, der klebrige Kot, kann im Fruchtwasser gefährlich werden. Gerät es in die Lungen, wirkt es wie Gift. Das Kind könnte ersticken.

Ein Kinderfacharzt von der Neugeborenen-Intensivstation ist deshalb dazugekommen. Die Bundesgeschäftsstelle für Qualitätssicherung (BQS) in Düsseldorf wertet es als Zeichen von Qualität, wenn ein Kinderfacharzt Neugeborene mit Geburtsrisiken bei der Geburt betreut. Der Arzt schiebt dem Jungen einen Plastikschlauch durch die Nase, mit dem er die Flüssigkeit aus der Lunge zieht. Noch ein paar Untersuchungen, Herzfrequenz, Herztöne, Atem, dann gibt er Entwarnung. Die Hebamme wäscht das Kindspech ab und bringt das Kind zur Mutter.

Dieser Montag ist ein Tag vom dem die Ärzte später sagen werden, dass es für sie kein sonderlich guter war. Zu viele Kaiserschnitte. "Ein Kaiserschnitt ist eine Hypothek auf die nächste Schwangerschaft", sagt Klaus Vetter, der Chefarzt des Neuköllner Mutter-Kind-Zentrums. Zum Beispiel könnte beim nächsten Mal die Narbe der Gebärmutter reißen, die von der Operation zurückbleibt. Ärzte und Hebammen bemühen sich deshalb darum, dass die Geburt möglichst natürlich verläuft. Wenn die Schmerzen zu groß werden, kann der Mutter eine Periduralanästhesie - kurz: PDA - helfen, die in den knöchernen Kanal der Wirbelsäule gespritzt wird und die Reizleitung der Nerven im Rückenmark blockiert. Erst wenn die medizinischen Risiken für Mutter und Kind zu groß werden, steht ein Kaiserschnitt an.

Trotz aller gegenteiligen Bemühungen ist die Zahl der Kaiserschnitte stark gestiegen, im Bundesdurchschnitt von 17 auf 27 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Mediziner führen dafür vor allem zwei Gründe an: Erstens, das Durchschnittsgewicht und der Kopfumfang der Neugeborenen wachsen seit Jahrzehnten an. Doch der Unterleib der Frauen entwickelt sich nicht in gleichem Maße mit. Zudem werden die Erstgebärenden immer älter, auch das erhöht zusätzlich das Komplikationsrisiko.

Zweitens, manche Mütter scheuten die Schmerzen einer Geburt; oder die Gefahr, ihr Unterleib könnte in Mitleidenschaftgezogen werden. Allerdings stellt eine jüngst veröffentlichte Studie der Universität Bremen diese Erklärung in Frage. Nur zwei Prozent der befragten Frauen, die per Kaisenschnitt entbunden wurden, hätten demnach diesen Wunsch geäußert.

Etliche Geburtshelfer beobachten die Tendenz, dass unter den werdenden Müttern die Schmerzen einer Geburt in den Vordergrund gestellt werden. "So entsteht ein verzerrtes Bild", sagt Daniela Zahl, die als Hebamme im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe arbeitet. Mit dieser Einschätzung steht sie nicht allein. "Natürlich hat eine Frau bei der Geburt auch Schmerzen. Aber es wäre schön, wenn sich wieder mehr Frauen wirklich auf eine Geburt einlassen könnten", sagt Gerlinde Behrendt, Chefhebamme im Helios Klinikum, seit 30 Jahren im Beruf.

Zwar bieten Hebammen wie Kliniken Vorbereitungskurse und begleiten werdende Mütter bis zu ihrem Entbindungstermin. Aber wenn es dann Ernst wird, seien viele Frauen überrascht, dass eine Geburt mitunter stundenlange und körperlich schwere Arbeit ist. "Viele denken, Kinderkriegen kann man quasi im Vorbeigehen", sagt Hebamme Behrendt.

Erwartungen und persönliche Vorlieben können sich, je nachdem ob sie erfüllt werden oder nicht - auf die Geburt auswirken. Fühlt sich eine Frau wohl, ist sie eher entspannt. Fühlt sie sich unwohl, verkrampft sie leichter, was die Geburt erschweren kann. Die Erwartungs einer Frau an die Klinik ist daher neben der medizinischen Qualität ein Kriterium für die Auswahl einer Geburtsstation. Krankenhäuser wie die Geburtsklinik Havelhöhe in Spandau, die sich als anthroposophisch bezeichnet, bilden einen Gegenentwurf zu großen Geburtsstationen wie das Neuköllner Mutter-Kind-Zentrum. Anthroposophisch meint: am Menschen und seinen seelisch-geistigen Bedürfnissen ausgerichtet.

Die Geburtsklinik Havelhöhe hat 970 Geburten im Jahr, deutlich weniger als etwa das Mutter-Kind-Zentrum. Ein Aufnahmegespräch dauert mitunter eine Stunde - um die Bedürfnisse der Eltern zu erfahren. Die Klinik arbeitet ausschließlich mit Beleghebammen wie Daniela Zahl: Freiberuflerinnen nutzen die Kreißsäle, Wochenbetten, ärztliche und pflegerische Leistungen des Krankenhauses. Anders als die angestellten Kolleginnen in den meisten Kliniken kümmern sie sich nur um eine Frau: in den Tagen vor dem Geburtstermin und während der Geburt. Zudem legt die Klinik Havehöhe Wert darauf, dass Mütter ihre Kinder sofort nach der Entbindung anlegen, es hat das Prädikat "stillfreundlich".

Dennoch, die einst scharfe Trennlinie zwischen alternativer und schulmedizinischer Geburtshilfe existiert in Berlin nicht mehr. Der Berliner Hebammenverband stellt fest, dass sich die Kliniken "für die Bedürfnisse und Wünsche der Frauen geöffnet" haben. "Der Wohlfühlfaktor eines Hauses ist nach wie vor wichtig", sagt ein Fachmann, "aber es wird heute weit weniger mit ideologischen Scheuklappen über die Versorgungsqualität in Geburtsabteilungen gesprochen."

Man kann das zum Beispiel an den Kreißsälen beobachten, die einander ähneln: Eine mitten im Raum stehende Badewanne für Wassergeburten, einst Zeichen alternativer Geburtshilfe, gehört inzwischen fast überall zum Standard.

Die Auswahl einer Klinik wird umso wichtiger, wenn Komplikationen absehbar werden - beispielsweise in Voruntersuchungen der Gynäkologen. "Wichtig ist, dass sich die Frauen vor der Geburt mit ihrem Vertrauensarzt beraten", wie Klaus Vetter vom Mutter-Kind-Zentrum in Neukölln sagt.

Zurück auf der Geburtsstation in Neukölln. Frau Maier aus Zimmer 3 hat ihren Kaiserschnitt hinter sich. Ihr Mann war nicht im Operationssaal. Alles gut? fragt er die Hebamme. Alles gut, antwortet sie. Der Kindsvater, ein Baum von einem Mann, sackt zusammen. Der Kreislauf.

* Die Namen aller Patientinnen sind geändert