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Einführung Berliner Klinikvergleich 2006

Gesund in Berlin

44 Krankenhäuser der Stadt stellen sich erstmals einem umfassenden Qualitätsvergleich Sie legen dafür bisher nicht zugängliche Daten offen – im Interesse ihrer Patienten (15.05.2006, 20:31 Uhr)

Das Gefühl der Ohnmacht drückt sich in einer Frage aus: „Kennst du ein gutes Krankenhaus?“ Oft erzählen dann Freunde etwas darüber, ob das Essen geschmeckt hat, die Zimmer sauber oder die Schwestern nett waren. Wichtige Parameter, sicher, die aber nichts über das Wichtigste aussagen: die Güte der Behandlung. Zwar gibt es durchaus Informationen über die Qualität einer Klinik, nur sind diese nicht leicht zu finden – oder sie sind unter Verschluss.

Jahr für Jahr wertet die Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) in Düsseldorf einen einzigartigen Datenschatz über die Behandlungen in deutschen Kliniken aus und stellt die Ergebnisse danach vertraulich den Spitälern zur Verfügung. Im Jahr 2004, dem jüngsten Auswertungszeitraum, waren das Angaben zu 212 Qualitätsindikatoren in 19 Leistungsbereichen wie Geburtshilfe, Herz- und Gefäßchirurgie oder Gelenkprothetik. 1500 Krankenhäuser meldeten der BQS die Ergebnisse von insgesamt rund 2,4 Millionen Patienten, darunter 47 Berliner Kliniken. Saß die Hüftprothese korrekt? Lag die Komplikationsrate im akzeptablen Bereich? Wurde der Brusttumor vollständig entfernt?

Bisher waren diese wichtigen Daten der Öffentlichkeit nur anonymisiert zugänglich. Zwar publiziert die BQS regelmäßig Auswertungsberichte. Allerdings ist in diesen nicht erkennbar, welche Daten zu welchem Krankenhaus gehören. Die Angaben des „Großen Berliner Klinikvergleichs“ von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin e.V. basieren auf eben diesen vertraulichen BQS-Daten. Voraussetzung, diese veröffentlichen zu können, ist das Einverständnis der Krankenhäuser – und 44 Berliner Kliniken haben entschieden, sich nun erstmals einem landesweiten Qualitätsvergleich. Nur die Charité mit ihren drei Standorten gab ihre BQS-Daten für das Projekt zunächst nicht frei.

Ziel dieses Vergleichs ist kein klassisches Ranking („Die zehn besten Krankenhäuser der Stadt“). Es geht darum, mit Hilfe der BQS-Daten und der Arztempfehlungen – der zweiten Säule der Serie – deutlich zu machen, was Berliner Kliniken leisten. Jeder muss entscheiden, welche der Angaben ihm wichtig sind: Die Informationen, die der Klinikvergleich bietet, geben eine Orientierung. Auch für das vertrauensvolle Gespräch mit dem einweisenden Arzt.

Zehn verschiedene Therapie-Bereiche wurden ausgewählt: von der Geburtshilfe über den Einsatz künstlicher Hüftgelenke bis zur Herzkatheter-Therapie. 116.000 Patienten kamen wegen dieser Behandlungen im Jahr 2004 in Berliner Kliniken.

Die Qualitätsdaten werden präzisiert durch die Ergebnisse des Strukturierten Dialogs: Die Fachleute der BQS suchen das Gespräch mit jenen Kliniken, die sehr auffällige – schlechte wie gute – Qualitätswerte vorwiesen. So sollen die Richtigkeit der Angaben geprüft und Wege gefunden werden, um die Qualität zu optimieren. Der Dialog für die Daten aus dem Jahr 2004 ist seit Anfang 2006 offiziell abgeschlossen. Oft stellt sich dabei heraus, dass nicht etwa schlechte Qualität die Ursache für schlechte Daten war, sondern dass zum Beispiel der Arzt die Meldebögen falsch ausgefüllt hat. Auch diese Ergebnisse berücksichtigt der Klinikvergleich und geht dabei weit über vergleichbare Vorhaben in anderen Regionen der Republik hinaus.

Neben ausgewählten BQS-Daten baut der Berliner Klinikvergleich auf ein weiteres zentrales Element: eine Umfrage unter Berlins niedergelassenen Ärzten (siehe Text zur Methodik). Die immens hohe Beteiligung war nur möglich durch die große Unterstützung der Berliner Landesabteilungen der medizinischen Berufsverbände. Vielen Dank für die Hilfe! (Von Ingo Bach)

Neue Serie: So gut sind Berlins Krankenhäuser

Ein Vorwort von Joachim Meinhold, Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt (15.05.2006, 20:23 Uhr)

Berlin ist ein Gesundheitsstandort mit Spitzenleistungen. Medizintechnik, Biotechnologie und Pharmaindustrie genießen sowohl national als auch international hohes Renommee. Im bundesweiten Vergleich weist Berlin ein einmaliges Spektrum an Forschungs- und Lehrangeboten auf, viele Kliniken sind für ihre Leistungen bekannt. Zudem hat der Berliner Gesundheitsmarkt für Beschäftigung und Wachstum unserer Stadt eine herausragende Bedeutung. Im Wettbewerb mit anderen Standorten gilt es aber auch, sich weiter zu profilieren. Dazu möchte der Tagesspiegel als Berliner Qualitätszeitung mit nationaler Ausstrahlung einen Beitrag leisten.

In unserer zehnteiligen Serie, die am 17. Mai beginnt, wird erstmals ein anspruchsvoller Überblick über die Leistungsprofile der Berliner Kliniken geboten – auf der Basis von medizinstatistischen Daten, die in Kooperation mit den Kliniken erhoben und vom Berliner Institut für Gesundheit und Sozialforschung (Iges) ausgewertet wurden. Im Vergleich mit nationalen Durchschnittswerten ergeben sich Indizien auf Stärken der Kliniken unserer Region, aber auch auf Optimierungspotentiale. Der Vorteil für die Patienten: Sie können diese völlig neue Transparenz bei ihrer Entscheidung nutzen.

Aller Anfang ist schwer. Das Misstrauen kommt immer in methodischer Verkleidung. Es ist aber auch nicht selbstverständlich, dass fast alle Berliner Kliniken an dieser Serie mitwirken und ihre BQS-Qualitätsdaten offen legen – obwohl es noch vieles bei der Methode zu verbessern gilt.

Für diese souveräne Entscheidung und die gute, vertrauensvolle Kooperation möchten wir uns sehr herzlich bedanken. Die Redakteure des Tagesspiegels werden sich – unter der Leitung von Ingo Bach, der diese Serie in monatelanger Arbeit konzipiert hat – nach besten Kräften um eine faire und angemessene Interpretation der Daten bemühen, um Fehlbewertungen auszuschließen. Dabei stehen uns Medizinstatistiker und Mediziner mit professionellem Rat beiseite.

Wie die niedergelassenen Ärzte die Kliniken bewerten, haben wir mit weit mehr als tausend Interviews unter Federführung des Iges ermittelt. Dabei erhielten wir sehr viel Unterstützung durch die Ärzteverbände. Auch dafür herzlichen Dank.

"Der vorgelegte Klinikführer ist ein Novum"

Grußwort der Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz Dr. Heidi Knake-Werner, Linkspartei/PDS. (15.05.2006, 20:09 Uhr)

Das Gesundheitswesen - traditionell geprägt durch eine paternalistische Kultur - hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Viele Patientinnen und Patienten forderten eine angemessene Beteiligung an den Entscheidungen ihrer Ärzte und auch an den Entscheidungen über die Weiterentwicklung unseres Gesundheitswesen. Im Ergebnis verfügen wir heute über eine sehr differenzierte Landschaft an Interessengruppen auch auf Seiten der Laien und Betroffenen, deren Ansichten und Forderungen nicht mehr übergangen werden können.

Die Politik hat dieser Entwicklung Rechnung getragen mit einer systematischen Einbeziehung von Patientenvertretern in die verschiedenen Gremien des Gesundheitswesens. Neben der Patientenbeauftragten der Bundesregierung verfügt Berlin heute als einziges Bundesland über eine eigene Patientenbeauftragte, deren Arbeit in den letzten beiden Jahren immer mehr Anerkennung gefunden hat.

Für Patienten ist es wichtig zu wissen, welche Leistungsschwerpunkte die einzelnen Krankenhäuser in ihrer Region haben. Wo kann man hingehen, wenn man selber erkrankt ist und die Hilfe eines Krankenhauses benötigt? Immer wieder werden wir angefragt und um eine solche Auskunft gebeten. Bisher war es kaum möglich, eine wirklich befriedigende Antwort darauf zu geben, da die notwendige Transparenz fehlte.

Deshalb ist die vom Tagesspiegel und dem Verein Gesundheitsstadt Berlin getragene Initiative, die mit der heutigen Veröffentlichung ihren Anfang nimmt, von ganz herausragender Bedeutung. Hier wird erstmals in methodisch anspruchsvoller Weise ein Überblick über die Leistungsstärken der Berliner Kliniken gegeben, der für Patienten und ihre ambulanten Ärzte die Grundlage sein kann für die Entscheidung, wohin man sich im Bedarfsfall wendet.

Diese Transparenz wird die Patientenorientierung im Gesundheitswesen weiter fördern und verbessert die Grundlagen für einen Wettbewerb zwischen den Krankenhäusern, der sich an wichtigen Qualitätsmerkmalen orientiert und nicht an vermeintlichen Vorteilen, wie sie gegebenenfalls durch das Marketing herausgestellt werden. Deshalb bin ich sehr froh, dass sich fast alle Berliner Kliniken an diesem Projekt beteiligten.

Wir werden in den nächsten Jahren erleben, dass der hier eingeschlagene Weg immer breiter und auch besser begehbar wird. Die Transparenz der Krankenhausleistungen unter qualitativen Aspekten wird immer häufiger zum Thema werden und die methodische Qualität der Datenaufbereitung zur Herstellung dieser Transparenz wird weiter steigen. Damit sind wir in Deutschland endlich auf einem Kurs, den andere Länder schon länger und erfolgreich eingeschlagen haben.

Der nun vorgelegte Klinikführer ist in dieser Form ein Novum in Deutschland. Er ist ein erster großer und wichtiger Schritt, für den ich mich ich mich beim Tagespiegel und dem Verein Gesundheitsstadt Berlin herzlich bedanke.

Ein Meilenstein für die Gesundheitsstadt

Anmerkungen zum großen Berliner Klinikvergleich von Ulf Fink, Senator a.D., Vorsitzender Gesundheitsstadt Berlin e.V. (15.05.2006, 20:15 Uhr)

Die vergleichende Beurteilung der Leistungsfähigkeit von Krankenhäusern anhand festgelegter Qualitätsmerkmale ist international längst üblich. In Deutschland tut man sich damit noch schwer. Aussagefähige Klinikvergleiche sind bei uns noch die Ausnahme. Insofern ist es sehr erfreulich, dass dank der Initiative von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin e.V. erstmals für die Berliner Kliniken ein Klinikvergleich erstellt und veröffentlicht wird.

Zur Beurteilung und Fortentwicklung der Qualität der Krankenhausbehandlung ist in Deutschland auf gesetzlicher Grundlage ein System entwickelt worden, welches von der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) betrieben wird. In aufwändigen Verfahren werden in Fachgruppen der BQS zu ausgewählten Indikationen Kennziffern festgelegt, mittels derer die Qualität einzelner Operationsverfahren beurteilt werden kann. Sehr viele Kliniken stellen bereits heute freiwillig ihre "BQS-Ergebnisse" in den veröffentlichten Qualitätsberichten dar.

Wir freuen uns außerordentlich, dass sich fast alle Berliner Kliniken am Klinikvergleich beteiligen und ihre Daten zur Verfügung gestellt haben. Die Krankenhäuser stimmen hiermit auch einer vergleichenden Darstellung zu und stellen sich somit dem Wettbewerb in der Öffentlichkeit. Neben den BQS-Daten haben wir Strukturdaten der Krankenhäuser etwa zur Häufigkeit von Operationen ausgewertet und die niedergelassenen Ärzte danach gefragt, in welche Häuser sie bevorzugt ihre Patienten einweisen.

Gesundheitsstadt Berlin e.V. und Tagesspiegel wollen den Klinikführer regelmäßig erstellen und fortentwickeln. Wir beabsichtigen, weitere Operationen und Operationsverfahren aufzunehmen und die Patienten nach ihrer Zufriedenheit mit dem Klinikaufenthalt zu befragen. Umfassendes Ziel ist es, dass die Patienten besser als bisher auf Basis qualifizierter Informationen nach Rücksprache mit dem behandelnden Arzt Entscheidungen treffen können.

Der erstmals erstellte Berliner Klinikvergleich hat nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Hauptstadtregion eine große Bedeutung. Zunehmend wird die Nachfrage nach medizinischen Leistungen durch die Mobilität der Menschen geprägt; Gesundheitstourismus, Wellness und die Nutzung ambulanter Leistungen (etwa Zahnbehandlung im Ausland) sind bereits Alltag. Bei den Krankenhausaufenthalten stehen wir zwar erst am Beginn dieser Entwicklung, doch auch hier wird sich ein nationaler und internationaler Markt entwickeln. Viele Länder z.B. im asiatischen und arabischen Raum investieren kräftig in den Ausbau der medizinischen Infrastruktur und wollen Patienten aus der ganzen Welt erstklassige medizinische Leistungen anbieten. Leistungs-, Qualitäts- und Kostenvergleiche der Medizin werden zukünftig zum Standard gehören und sind Voraussetzung für eine erfolgreiche Darstellung einer Gesundheitsregion. Insofern ist es sinnvoll und notwendig, dass sich die Hauptstadtregion diesem Qualitätswettbewerb stellt und an seiner systematischen Verbesserung arbeitet.